Ab wie viel Millilitern Jungsspeichel ist man sexy? (überarbeitete Fassung)

Posted by in Insein für Outsider

»Versteckt Nicole Portman sich wieder im Altkleidercontainer?«, fragt Aja. Das Miauen klingt erbärmlich.
»Du kletterst nicht da rein«, sagt Yuko.
»Keine Sorge«, sagt Aja grinsend, steigt auf eine Gemüsekiste und zwängt sich durch die Klappe.
Heiß und eng hier drin wie in einem Raumanzug. Wenigstens hält Yuko die Klappe auf, sodass ein wenig Licht hereinfällt. Es riecht nach dem Schweiß von zwanzig dm-Verkäuferinnen und nassem Hund.
Altkleidercontainer. Man muss sie lieben.
»Natalie Portman?«, fragt Aja. Ihre Stimme klingt wie durch ein Kissen.
Keine Katze. Kein Miauen. Sie schnappt sich eine Weste, die im Halbdunkel noch brauchbar aussieht, und zieht sich mit der Hilfe ihrer Freundin ins Freie.
Sie fällt Yuko vor die hohen Absätze. Bei der kleinen Japanerin sind Stöckel okay, sie braucht was, das sie größer macht. Sonst landet sie in der Donnerstag-Abend-Küchen-Hektik im A la mode doch noch im Topf.
»Wie findest du meine neue Weste?«, fragt Aja.
»Hipstermäßig.«
Aja hat keine Ahnung, was das bedeutet, aber sie nimmt es als Kompliment. Was sie nicht kapiert, nimmt sie als Bestätigung. Auf die Art macht das Leben mehr Spaß.
Ein Blitz zuckt, dann kracht der Donner. Irgendwo miaut eine Katze. Sie klingt ängstlich.
»Dein Essen wird kalt«, sagt Yuko und deutet auf den Teller, den sie aus der Küche geschmuggelt hat. »Bäckchen vom jungen Weiderind mit Petoncle und Topinambur.«
»Keinen Hunger mehr«, sagt Aja und zieht den Kopf ein. Gewitter sollte man verbieten.
»Ein paar Moscardinis, Aja? Die helfen gegen die Angst.«
»Ich habe keine … Außerdem«, sie seufzt, »heiße ich Ä-i-scha, mit superweichem sch, wie dieser Song von Steely Dan. Ä-i-scha. Wer meinen Namen richtig ausspricht, klingt, als wäre er verknallt in mich. Apropos. Was hast du über Sabines neuesten Fang rausgekriegt?«
»Geschieden. Heißt Gärtner, ist Anwalt. Macht achtzigtausend im Jahr, netto. Zwei Jahre älter als deine Mutter. Kam bisher ein Mal im Monat her. Immer in anderer Begleitung. Mag Lammfleisch, sehr rosa, und ist allergisch gegen Sellerie.« Sie zündet sich eine Zigarette an. Am Himmel blasen sich Wolken auf wie geltungssüchtige Frösche. »Zufrieden?«
»Ich dachte, rauchen ist out.«
»Rauchen ist sexy.« Yuko kichert ihr Hibiskusblüten-Hihihi.
Bei ihr stimmt es. Aja hat mal probehalber vor dem Spiegel geraucht. Hat sie für alle Zeit von den Krebs-Duplos geheilt.
»Heißt das, die Jungs fangen an zu sabbern, wenn sich ein Mädchen eine Glimme anzündet? Und ab wie viel Millilitern Jungsspeichel bist du sexy? Ab zwanzig? Oder erst ab einem halben Liter?«
»Koko!«, schallt es aus der Küche. »Zieh dich anständig flache Chaussettes an und allez hopp!« Der Chef persönlich. Wissen, was Petoncle ist, aber zu dämlich, sich einen einfachen Namen zu merken.
»Sie sitzen Tisch sieben, der romantische für zwei«, sagt Yuko, schnippt ihre Kippe weg und schnürt in die Küche.
Aja springt auf. Hinter ihr miaut was. Später, NP. Sie zieht sich auf die Fensterbank, bester Blick ins Restaurant.
Sabine sitzt elegant und Funken sprühend an ihrem Table de Stamm. Ihr Mann der Woche hat keine Haare mehr. Nicht eins. Sein Kopf glänzt romantisch im Licht der Kerzen. Ajas Vater hat wunderschönes Eigenhaar. Grau ist es geworden, so eine Art Notblüte: Zwei Flaschen Tequila täglich sind auf Dauer der Wellness nicht förderlich. Mister Ei-im-Anzug hält sein Weinglas, als könnte es ihm jeden Moment um die Segelohren fliegen.
Wo bleibt da die Herausforderung? So einen Typen vergrault sie schneller, als Sabine fester Freund sagen kann.
»Surr ab, Schmeißfliege.« Ein starker Arm zerrt sie von der Fensterbank herunter. Der Arm gehört zu zwei breiten Metern Jungkoch.
»Axel!«, sagt Aja und zappelt sich aus dem Griff. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass dein Name klingt wie die badische Variante eines Deosprays? Apropos …«
»Du bist hier nicht erwünscht. Der Maître ist nervös. Angeblich schleicht ein Dieb in der Gegend rum.«
»Alles im Grünen?«, fragt da eine harte Stimme und ein Gesicht mit Wangenknochen wie Bügelfalten und Augen direkt aus dem Eisfach schiebt sich zwischen Aja und Axel. Typ Serienkiller und ebenso schnell und lautlos. Von Nahem betrachtet ist Sabines Geschmack leider zum Kotzen gut.
»Da hast du deinen Dieb, Deomään. Klaut das Herz meiner Mom.«
»Ah, das berüchtigte Fleisch von Sabines Fleisch.« Eiermann streckt ihr die Hand entgegen. »Ich bin Edgar. Ich schätze deinen Sinn für Dramatik.«
Axel kann keine akute Gefährdung für das kostbare Petoncle-Rezept erkennen und trollt sich. Eiermann bleibt.
»Lass deine Pfoten von Sabine, Eddy.«
»Was, wenn nicht?« Er lacht! »Brichst du mir die Finger?«
»Du bist nicht das Problem, du hast es: Sabine.«
»Arroganz ist okay, solange sie sich nicht mit Dummheit paart.«
»Hier paart sich keiner, am allerwenigsten du und Sabine.«
Er lacht, wird abrupt ernst. »Sabine liebt dich über alles. Hör endlich auf, ihr so viel Trouble zu machen. Das mit Roman ist noch zu frisch. Für euch beide.«
»Woher …« Sabine hat ihm von Roman erzählt? Sie kann es nicht glauben.
»Wenn meine Tochter sich ihr Essen an den Hintertüren von Restaurants und Supermärkten erbetteln würde, wenn meine Tochter sich ihre Klamotten aus Altkleider-Containern klauen würde, wenn meine Tochter keine Freunde hätte, dann würde ich das als eine Menge Trouble einloggen.«
Zack, Zack, Zack! Aja spürt Tränen in sich aufsteigen. Das ist Wut, nichts weiter, der Glatzkopf kann ihr gar nichts. Was … Er schiebt ihr eine Visitenkarte in die Tasche ihrer Weste.
»Wenn was ist. Wenn du quatschen willst. Oder wenn du deine Mutter suchst. Ruf mich jederzeit an.«
Sie will etwas sagen, zum Beispiel Lieber nage ich mir die eigenen Zehen ab, doch ein panischer Katzenschrei lässt sie herumfahren. Aus dem Papiercontainer schlägt eine Flamme. Da hat sich Natalie Portman versteckt! Und Yukos Kippe räuchert sie aus. Aja rennt zurück in den Hof, im Laufen reißt sie sich die neue alte Weste herunter und wirft sie am Container auf die Flamme. Das erbärmliche Miauen schneidet ihr direkt ins Herz. Sie zieht sich hoch und lässt sich in alte Zeitungen und Kartonagen fallen. Ihre Weste geht gerade in Flammen auf, Hitze schlägt ihr ins Gesicht.
»NP? Wo steckst du?« Sie wirft Pappe hinter sich.
»Komm sofort da raus!« Der Eiermann.
Aja ignoriert ihn, wühlt sich tiefer.
»Da bist du!« NP hat sich mit der Pfote in einem großen Amazon-Karton verfangen. Aja packt Pappe samt Katze und schmeißt alles über den Rand. Es riecht nach verschmortem Haar. Ihrs? Jemand packt sie und sie springt, klettert und fliegt und alles gleichzeitig und landet halb auf dem Eiermann. Aus dem Restaurant sprudeln Personal und Gäste.
»Das ist nicht, wonach es aussieht«, ruft Aja und freut sich wie verrückt, diesen Satz mal selbst anwenden zu können. Sie rappelt sich auf.
»Koko!«, brüllt der Maître und dann folgt ein Schwall Französisch. Respekt, sie wusste gar nicht, dass Französisch so böse klingen kann.
»Ich war’s«, sagt Aja, Nicole Portman auf dem Arm, und stellt sich vor ihre Freundin. Ist Yuko eine? Oder hat der Eiermann Recht?
»Was hast du jetzt wieder angestellt?« Sabine. Wie immer im ungünstigsten Moment.
»Ich rauche. Was dagegen? Ich bin fünfzehn. Alt genug.«
Während ein Drittel des Personals mit Löschen beschäftigt ist, beruhigt das zweite Drittel die Gäste und führt sie zurück zu ihren Tischen. Das dritte Drittel tut, was es am besten kann: nix und blöd gucken.
Aja schiebt sich an sämtlichen Dritteln vorbei, nur weg hier, der sicherste Ausgang ist der durch die Küche. Die Küche des A La Mode erinnert Aja mehr an die neue Versuchsanordnung in ihrem Physiksaal und die verstörte Yuko als einzige mittendrin sieht aus wie ein misslungenes Experiment. Natalie Portman inspiziert den Fußboden.
»Er wirft mich raus!« Yuko putzt sich die Nase in ein Geschirrtuch.
»Schlechte Nachricht, Süße: Du musst weiter für ihn schuften. Ich habe gesagt, der Blitz hat eingeschlagen.«
»Wem willst du eigentlich mit deinem Verhalten imponieren?« Sabine klackert heran. Unentkommbar. Sogar eine coole Straßenkatze wie NP nimmt vor ihr Reißaus.
»Imponieren, das machen Jungs. Ich bin ein Mädchen. Kann man mal vergessen. Im Eifer des Geschlechts, sorry, Gefechts.«
Sabine schüttelt den Kopf. Sie ist eine echte Rothaarige, groß, schlank und so kalt und heiß wie ein Vulkanausbruch auf Island. Doch die Sommersprossen, die ihr haarfarbemäßig zustehen, hat sie an ihre maushaarige Tochter weitergereicht. Obwohl die das früher mal braune Haar ihres Vaters erben musste. Schon mal was von Gerechtigkeit gehört, Welt?
Sabine nimmt ihre Geldbörse aus der Handtasche und zieht einen Hundert-Euro-Schein heraus. Der Schein riecht nach Parfüm. Geldscheine haben Duft so nötig wie Tizian ein T-Shirt mit der Aufschrift »Küss mich, ich bin dein Märchenprinz«.
Warum muss sie jetzt ausgerechnet an ihn denken?
Weil sie dauernd an ihn denkt.
»Du verscherbelst alles«, sagt Sabine, »alles, was ich dir schenke: Kleider, Schuhe, iBook, iPhone, iPod, iPad.«
»Mal dran gedacht, dass du deine Mutter damit verletzt?« Das Killer-Ei. Sie wäre besser im Container geblieben. Im brennenden.
»Misch dich bitte nicht ein, Edgar.« Sabine setzt ihren gefürchteten Dackelblick ein, Aja sieht weg. »Kaufst du Drogen?«
Was soll sie darauf sagen? Etwa die Wahrheit? Dann lieber Mund halten.
»Hab ich Recht?«
Von draußen brandet Applaus herein. Das Feuer scheint gelöscht. In ihr drin schwelt es weiter. Erst hackt der Eiermann auf ihr rum, jetzt Sabine. Eine Sekunde lang zieht sie in Erwägung, dass die beiden nicht komplett Unrecht haben. Okay, die Sekunde ist vorbei.
»Du hast kein Recht, irgendjemand Fremdem von Roman zu erzählen.« Sie beißt sich auf die Zunge. Sie wird nicht weinen, nicht, solange sie mit Sabine im selben Zimmer ist. Sie zwängt sich um Salamander und Konvektomat herum und stolpert über ein Kabel. Mit einem Aufschrei zieht sie den blöden Stecker. Sie hasst alles Elektrische. Die Menschheit ist noch nicht bereit für so eine gefährliche Sache wie Elektrizität. Jetzt muss sie nur noch herausfinden, wie man einem Gewitter den Stecker zieht.
Endlich draußen. Sie läuft über den rauchverpesteten Hof auf die Straße und Richtung Bushaltestelle. Der blöde Regen hängt noch immer in den Fettfroschwolken. Aber dafür fließen ihre Tränen. In dem Zustand nach Hause?
Wie kann Sabine nur, wie kann sie irgendeinem Typen von Roman erzählen! Sie zieht das Foto aus der Tasche, aber es ist zu dunkel, die Gesichter zu erkennen. Sie muss den Eiermann loswerden, sie muss ihn und Sabine auseinanderbringen, bevor er den armseligen Rest ihrer Familie auch noch kaputtmacht. Und ihr Sachen an die Birne schmeißt, die so wehtun, als wären sie wahr.
Eine dieser Telefonzellen ohne Zelle bringt sie auf eine Idee. Ein Handy hat sie keins. Wen sollte sie anrufen? Vom Festnetz telefoniert sie manchmal mit der Zeitansage. Was keiner aus ihrer Klasse weiß: Nach zwei Minuten trennen die das Gespräch und verabschieden sich freundlich: »Danke für das nette Gespräch. Sie sind ein guter Zuhörer.« Manchmal, und diese Anrufe sind ihr die liebsten, ist der Pieps kein elektronischer, sondern die Konservenstimme sagt selber: »Pieps.«
Aja zieht die Karte des Eiermanns aus der Tasche – Edgar Gärtner, Dr. jur. – und wählt die Handy-Nummer.
»Wofür steht das jur.? Für Juror? Hast du Mama bei einer Misswahl aufgerissen?«
»Warte nicht auf deine Mutter. Könnte spät werden.«
»Dann mach dich auf was gefasst. Sabines Spezialität ist Petoncle. Na ja, wer’s mag.«
Daheim wird sie als Erstes Petoncle googeln. Jede Wette, sie wird nicht die Einzige sein.