Ab wie viel Millilitern Jungsspeichel ist man sexy?

Posted by in Insein für Outsider

(Ein Auszug aus der All-Age-Romantic-Comedy, die ich gerade überarbeite. Erscheint in den nächsten Monaten. Der Titel ist die Kapitelüberschrift. Wie der Roman heißt, verrate ich ein andermal.)

Heiß und eng hier drin wie in einem Raumanzug. Wenigstens fällt Licht durch ein paar Rostlöcher. Es riecht nach dem Schweiß von zwanzig Douglas-Verkäuferinnen und nassem Hund.
Altkleidercontainer. Man muss sie lieben.
Aja klappt die Riesenlade nach außen, durch die sie reingerutscht ist. Mit ihrem neuen alten Wollpulli über einem neuen alten Sweater über ihrer alten alten Weste ihrer Oma zieht sie sich ins Freie, sicher eingepackt gegen die scharfen Kanten der Klappe.
»Bäckchen vom jungen Weiderind mit Petoncle und Topinambur«, sagt Yuko. »Mach schon, bevor es kalt wird.«
»Wer schön sein will, muss leiden. Wer nicht schön sein will, muss …«, ächzt Aja, »… muss klettern.«
Aja fällt Yuko vor die hohen Absätze. Bei der kleinen Japanerin sind Stöckel okay, sie braucht was, das sie größer macht. Sonst landet sie in der Donnerstag-Abend-Küchen-Hektik im A la mode doch noch im Topf. Zusammen mit dem anderen Kram, den kein Mensch aussprechen kann. PET-Onkel? Tobiwas?
Aja setzt sich auf ihre Gemüsekiste und mustert den Teller erwartungsvoll. Sie schnuppert, riecht aber nur die Mülltonnen, die links und rechts ihres kleinen Esstischs aus weiteren Kisten Schatten werfen. In einer schwülen Sommernacht ist ihr Duft im Hof hinter dem Restaurant besonders markant. Aja mag ihn, er hat das Aroma eines starken französischen Käses.
Das Krachen eines Donners lässt sie zusammenfahren. Eine schwarze Katze schmiegt sich an ihre Beine.
»Natalie Portman, hi.« Aja stellt ihr den Teller hin. Die Katzen hier sehen aus wie die Schnepfen aus Filmen, die nur im Dreck herumschnüffeln, um ein Gefühl für ihre nächste Rolle als Straßenmieze zu bekommen. Ein Blitz zickzackt zwischen Wolken.
»Aber …«, sagt Yuko gekränkt. »Ich habe Axel abgelenkt, damit ihm das Fleisch anbrennt.«
»Keinen Hunger mehr«, sagt Aja.
»Ist es wegen des Wetterleuchtens?«
»Das ist ein ausgewachsenes Gewitter!«
»Noch ein paar Moscardinis, Aja? Die helfen gegen die Angst.«
»Ich habe keine … Außerdem«, sie seufzt, »hast du deinen Japanerbonus ausgereizt und solltest endlich meinen Namen richtig aussprechen. Ich heiße Ä-i-scha, mit superweichem sch, wie dieser Song von Steely Dan. Ä-i-scha. Wer meinen Namen richtig ausspricht, klingt, als wäre er verknallt in mich. Apropos. Du weißt nicht zufällig was über Sabines neuesten Fang?«
»Geschieden. Heißt Gärtner, ist Anwalt. Macht achtzigtausend im Jahr, netto. Zwei Jahre älter als deine Mutter. Kam bisher ein Mal im Monat her. Immer in anderer Begleitung. Mag Lammfleisch, sehr rosa, und ist allergisch gegen Sellerie. Zufrieden?«
»Du bist echt cool.«
»Ich weiß.« Yuko zündet sich eine Zigarette an. »Es ist spät. Wenn du gegessen hast, gehst du heim.«
»Ich dachte, rauchen ist out.« Wie immer ignoriert Aja Yukos Fürsorglichkeit. Die Japanerin würde noch ein tollwütiges Krokodil bemuttern, Sabine könnte sich von ihr echt was abschneiden: Bäckchen von der jungen Mutterkuh.
»Rauchen ist sexy.« Yuko kichert ihr Hibiskusblüten-Hihihi. Bei ihr stimmt es auch, selbst in der schwarzen Kochkluft mit roter Schürze. Sie ist ja schon sechzehn.
»Ein Grund mehr, die Finger von den Tabak-Duplo zu lassen«, sagt Aja. »Ich hab Besseres zu tun, als mir dauernd irgendwelche Typen von den Sohlen zu kratzen.«
»Du hast morgen früh Schule.«
»Ich schlafe nachts nicht. Dann kriegt mich tagsüber kein noch so langweilig labernder Lehrer wach. Außerdem ist morgen P-Day: der Anfang der Projektwochen. Ich liebe es!« Am Himmel blasen sich Wolken auf wie geltungssüchtige Frösche. »Wir könnten rüber in mein Zimmer, du weiß schon, in den Opel, von wegen Faramirscher Käfig und so.«
»Faradayscher«, sagt Yuko, aber sie bleibt, wo sie ist. So hohe Heels haben vermutlich Blitzableiter eingebaut. »Schon eine Idee für ein Projekt?«
»Meine Idee ist, mich zu drücken.«
»Das tust du auf keinen Fall!«
Aja zieht ein abgegriffenes Foto aus ihrer Hosentasche und hält es Yuko hin. »Bist du da irgendwo drauf?« Es zeigt ihre Familie, als sie noch eine war. »Sage ich Mama zu dir?«
»Aber du brauchst doch unbedingt eine gute Note, sonst …«
»Passt schon.«
»Was sagt deine richtige Mutter dazu?«
»Frag sie selber, Tisch sieben wie Wolke sieben, der romantische für zwei.« Sie springt auf. Sie muss sich jetzt diesen Typen ansehen, mit dem Sabine zugange ist.
»Koko!«, schallt es aus der Küche. »Zieh dich anständig flache Chaussettes an und allez hopp!« Der Chef persönlich. Wissen, was Petoncle ist, aber zu dämlich, sich einen einfachen Namen zu merken.
»Ich tätowiere deinem belgischen Boss deinen Namen auf die Hand.«
Lächelnd nimmt Yuko einen letzten, tiefen Zug und reicht Aja die Zigarette. »Ich muss.« Sie ordnet ihr perfekt ordentliches Azubikoch-Outfit und trippelt zu dem hell erleuchteten Viereck des Hintereingangs. Yuko ist ein bisschen wie eine große Schwester. Sie schmuggelt Aja immer Essen aus der Küche.
Aja bleibt zurück, die Gabel in der rechten, die rauchende Kippe in der linken Hand – und das drohende Gewitter über ihr. Rauchen macht sexy? Heißt das, die Jungs fangen an zu sabbern, wenn sich ein Mädchen eine Glimme anzündet? Und ab wie viel Millilitern Jungsspeichel ist man sexy? Ab zwanzig? Oder erst ab einem halben Liter? Aja schüttelt sich bei dem Gedanken an Zungenküsse – Zungenküsse bei Gewitter! – und schnippt die Zigarette in die nächste Tonne.
Sie folgt Natalie Portman auf die Straße. Eine Laterne zuckt, als hätte jemand einen nervösen Blitz darin eingesperrt, der Himmel verhält sich verdächtig ruhig. Neben einen Kübel mit Geranien springt NP auf die Fensterbank und glotzt ins Restaurant, wo sich Fische anzüglich auf Tellern räkeln. Willkommen zur Katzen-Peepshow!
Sabine sitzt elegant und Funken sprühend an ihrem Table de Stamm. Nur ist der anwaltende Gärtner ihr gegenüber nicht ihr Stamm-Mann von letzter Woche. Wenn Aja keine Liste daheim hätte mit Namen, Daten und besonderen Kennzeichen der Männer ihrer Mutter, sie hätte längst den Überblick verloren. Wo ist die gute alte Treue geblieben? Wenigstens bringt Sabine die Typen nie mit heim.
Die beiden essen Fisch. Kein Petoncle.
Ein Kellner, Barton, steht hinter Sabine und glotzt ihr in den Ausschnitt. Echt peinlich, aber wo soll er sonst hinschauen? Das Kleid offeriert mehr knusprige Haut als der ganze Verkaufwagen von Solanas Grillhähnchen-Solarium. Barton bemerkt Aja und wirft ihr einen giftigen Blick zu. Aja gibt ihm ein Daumen-nach-oben. Sie bleibt, wo sie ist.
Sabines Neuer hat keine Haare mehr. Nicht eins. Sein Kopf glänzt romantisch im Licht der Kerzen. Hätte sie sich nicht wenigstens einen Haartransplantierten angeln können? Ajas Vater hat wunderschönes Eigenhaar. Bloß grau ist es in den letzten Jahren geworden, so eine Art Notblüte einschließlich Message: »Hör zu, Alter, ein bis zwei Flaschen Tequila täglich sind auf Dauer der Wellness nicht förderlich. Dein Body«. Ihr Vater hat dezente Hinweise noch nie verstanden. Dagegen wirkt dieser Typ hier, Mister Ei-im-Anzug, als hätte er das Wort dezent erfunden. Wie er sein Glas hält! Sie verspürt unbändige Lust, eine Schippe zu nehmen, dem Typen den Kopf aufzuklopfen und das Fünf-Minuten-Ei auszulöffeln.
»Surr ab, Schmeißfliege.« Ein starker Arm zerrt sie von der Fensterbank herunter. Der Arm gehört zu zwei breiten Metern Jungkoch.
»Axel!«, sagt Aja. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass dein Name klingt wie die badische Variante eines Deosprays? Apropos …«
»Du bist hier nicht erwünscht. Der Maître ist nervös. Angeblich schleicht ein Dieb in der Gegend rum.«
»Was will er denn klauen? Euer Petoncle-Rezept?«
»Zisch! Ab!« Irgendwo riecht es nach Rauch. Hat Yuko sich ihre Schürze angesengt?
»Pass auf. Da drin sitzt ein Kerl bei Sabine, dem ich dringend ein paar vertrauliche Informationen zuspielen muss. Sag ihm, ich treffe ihn in fünf Minuten beim Opel. Mit einem Angebot, das er nicht ausschlagen kann.«
Axel streckt seine Hand aus. »Du kennst meinen Tarif.«
»Fünf Euro. Und du bist netter zu Yuko.«
»Zehn.«
»Vier.«
»Was?«
»Drei.« Aja legt ihm die Münzen in die Hand und drückt seine Finger zu. »Und einen Kuss.« Sie fährt sich mit der Zunge über die Lippen und spitzt den Mund.
Axel verzieht das Gesicht. »Ich bin schon weg. Und danach machst du den Airbus, klar?«
Aja salutiert. »Großes Fliegerehrenwort.«
»Was soll ich ihm sagen, wer du bist?«
»Sein schlimmster Albtraum.«

Was denkt ihr? Ein guter Anfang für einen Roman? Ich bin noch am zweifeln …