Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit

Roman. rororo 2011.

Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit von Paul Mesa, Kindler/Rowohlt

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Stimmen zu „Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit“

»Man muss sie einfach sofort ins Herz schließen: die entzückende, kleine Heldin des Romans. (…) ‚Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit‘ ist eine bezaubernde und weise Geschichte über die Liebe, das Leben und den Tod. Wunderbar verspielt ist auch die Sprache des Autors.«
(Schwäbische Post)

»Schräger Familien(-planungs)-Roman, dessen reizende Heldin uns mit ihrer Sehnsucht nach heiler Welt tröstet. Buch-Tipp!«
(Zeitschrift ‚Petra‘)

»Charmantes Romandebüt mit einer Prise Ironie«
(Hörzu Buchtip)

»Wie wundervoll ist doch Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit«
(nordbayern.de / Nürnberger Zeitung)

»Mit viel Wortwitz, noch viel mehr Charme und einer leichten Prise Ironie des Schicksals, schreibt Mesa ein beschwingtes kleines Meisterwerk.«
(Vera Tolo, Campus-Web)

»Ein beschwingter Roman über die Liebe, über Menschen im Hotel und über Kaffee. Buch-Tipp!«
(Westdeutsche Zeitung)

»Sehr unterhaltsam, hoch amüsant und vortrefflich erzählt«
(Anke, Liebesromanforum.de)

» Ein erfrischender, humorvoller und kurzweiliger Roman irgenwo zwischen Isabel Allende und Gabriel García Márquez.«
(funkiest auf manking.co.cc)

»Liebevoll beschreibt Paul Mesa die Irrungen und Verwirrungen im Leben Bicas. Er spielt mit Worten genauso wie mit originellen Ideen, die ihm (und Bica) anscheinend niemals ausgehen. Ein bezauberndes Buch!«
(Tina Schröder auf medienprofile.de)

»Wer schöne Geschichten mag, wird diese hier lieben. Und Bica muss man einfach lieben.«
(Katja in ihrem Bücherblog Zwischen den Seiten)

»Bica ist so lebendig, so wortgewandt, so charmant, so impulsiv, so voller Sehnsucht. Sie hält sich für klein, aber hat eine große Persönlichkeit. Ihre Geschichte ist skurril, witzig, traurig, voller Hoffnung, voller Schmerz und auch voll Herz. Paul Mesa verzaubert mit seiner Geschichte, die stark vom Duft verschiedener Kaffeevariationen geleitet wird, sogar mich, eine Teeliebhaberin.«
(Federchen auf Lovelybooks)

Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit — Leseprobe

1. Kapitel: Durchzug, Kondome und eine Ohrfeige vom Tod

Wer da im Bad von Tante Gitta ein Kondom durchpiekst, ist Bica (1,49 m; trinkt am liebsten einen Galão). Durex Emotions steht auf der Verpackung – klingt das nicht wie dauerhafte Liebe? Bica seufzt, glättet die Ränder der Folie. So. Nichts ist mehr zu sehen von dem winzigen Loch in der Familienplanung.
Ach, Mama.
Da schiebt sich die Tür zum Hotelflur auf, und Bica erstarrt. Der Durchzug verwirbelt ihre schwarzen Haare, der kühle Oktoberwind fährt ihr – hui! – unter den Kittel, die Luft trägt den Duft nach Kaffee. Sie rührt sich nicht, wartet auf Madames Stimme in ihrem Rücken, auf ein »Was machst du da?«, auf einen Anschiss, einen Rausschmiss, auf das Ende ihrer kleinen Karriere als kleines Zimmermädchen im feinen Kleinen Schoßhotel (drei Stockwerke plus Mansarde; beherbergt in seiner Jugendstilvilla mitten in der Stadt am liebsten Reisende mit Geld und der Sehnsucht nach herzlicher Gastfreundschaft und ein wenig Luxus).
»Bica!«
Nicht Madames Stimme kommt da von oben, so ruft nur eine Frau auf der Welt: Bicas Mutter. Bica dreht sich um, erschrickt vor einer Bewegung, aber das ist nur sie selbst, im Spiegel über dem Waschbecken: dickes Muttermal über der Lippe, dicker Hintern – Merde!
Ihre Mutter sollte nicht nach ihr rufen, nicht während der Arbeit auf Etage, nicht durch das ganze Hotel. Vor allem sollte sie deshalb nicht nach ihr rufen, weil sie vor dreizehn Tagen beigesetzt wurde.
Ach, Mama.
Bica sinkt auf den Rand der Badewanne und starrt auf das Knäuel roter Haare, das im Abfluss klebt. In ihrem ganzen Leben, in sechsundzwanzig Jahren, war sie nie länger als zwei Tage von ihrer Mutter getrennt.
Und jetzt schon zwei Wochen.
Sanft verschwimmt das Knäuel vor ihren Augen. Hör auf, Weinen während der Arbeit ist unprofessionell. Ihre Mutter, die Hausdame Maria Teves, hätte das nicht geduldet. Mit einem Ruck steht Bica auf, rutscht auf den frisch gewienerten Fliesen aus und fällt beinahe in die noch nicht gewienerte Wanne.
Die Stimme eben hat sie sich eingebildet, genau wie ihre Schwangerschaft. Vor drei Minuten wurde sie von ihren Tagen überrascht. Deswegen musste sie so eilig die Kulturbeutel der Gäste hier durchsuchen, aber Tampons oder Binden hat sie keine gefunden, stattdessen: eine Packung Kondome. Und in einer Tasche ihres Kittels diese Spritze. Die Spritze hat sie daran erinnert, dass sie ihrer Mutter die Einlösung eines alten, na ja, Versprechens schuldig geblieben ist.
Hätte sie doch bloß vor zwei Wochen damit das Kondom von Galão durchgepiekst. Sie hätte diesem wunderschönen fremden Mann das Kondom (Ramses Wild Banana) aus der Hand reißen und …
»Bica, Liebes!«
Kein Zweifel, jemand ruft ihren Namen, und, ja, mit der Stimme ihrer Mutter. Was für ein geschmackloser Scherz. Na, warte. Bica stopft das entsicherte Kondom in den Karton zurück, stürmt in den Hotelflur und die Treppe hinauf. Der Flur im Dritten ist rotgolden und menschenleer bis auf die drei angestrahlten Schaufensterpuppen in ihren barocken Kostümen. Hier oben liegen keine Gästezimmer mehr, nur noch die Wohnungen von Madame und Stella und Morten, allesamt umfunktionierte Suiten – und Bicas eigene, die sie bis vor kurzem mit ihrer Mutter und dem Duft nach Kaffee teilte. Das Schlimmste in den letzten zwei Wochen war es, immer wieder in diese mutterlosen Räume zurückzukehren – und dass ihr Geruch Bicas Mutter überdauert hat. Zögerlich öffnet Bica die Tür.
»Liebes, machst du mir bitte eine Bica?«
Da sitzt ihre Mutter, Maria Teves aus Belém (1,64 m, unmöglich; trank am liebsten eine Bica, einen portugiesischen Espresso, stark genug, so sagte sie gerne, um eine Tote aufzuwecken). Auf dem roten Sofa sitzt sie, in ihrem gemeinsamen Wohnesszimmer, vor der rosa Wand, unter dem gerahmten Kalenderbild einer Kaffeeplantage in blendend weißer Blüte. Ihr sonst so entschieden zusammengestecktes schwarzes Haar fällt ihr wirr auf die Schultern. Das goldene Satin-Nachthemd ist hochgerutscht und zeigt ihre schlanken Beine. Maria sieht müde aus, verloren, aber doch auch wie die Frau, die Bica bis vor zwei Wochen mehr als jeden anderen Menschen liebte. Tot aussehen tut sie nicht.
»Ich hatte einen haarsträubenden Traum. Haarsträubend. Obwohl nicht einer deiner Ex-Stiefpapas vorkam.« Sie hört sich auch nicht tot an. »Von einer alten Frau im Dschungel und einem kleinen Jungen und einer Toten in der Badewanne.«
Bica weicht zurück und knallt von draußen die Tür zu. In Filmen, da kommen tote Frauen zu ihren Töchtern zurück und sind plötzlich wieder quicklebendig. Aber Bica hat mit eigenen Augen gesehen, wie ihre Mutter in den Sarg gelegt wurde und wie der Sarg langsam in den Ofen des Krematoriums fuhr. Sie hat gesehen, wie sie die Urne in das kleine Grab im Schatten der Kastanien hinunterließen. »Gräble« nannte es einer der Arbeiter, niedlich klang das und nett und gar nicht endgültig.
Gräble.
Die Tür vor Bicas Augen tanzt, der Türgriff wächst ihr entgegen … und über ihr flieht das weiße Männlein auf dem grünen Schild in Richtung Tür.

Bica schlägt die Augen auf. Die Lampen über ihr an der goldenen Decke schwanken allmählich langsamer. Da beugt sich der Tod über sie und gibt ihr eine sanfte Ohrfeige.
Bica zuckt zurück – und bekommt noch eine auf die andere Wange.
»Stop«, ruft sie.
»Sie ist wieder da-a.« Der Tod lacht. Er hat die Stimme eines Mädchens und er riecht nach Pfefferminz und ein wenig nach Marihuana. Wie ein Fliegenschwarm umsummt ihn leise Musik.
»Geht es ihr gut?« Ein junger Mann in Anzug und Mantel tritt hinter dem Tod in Bicas Blick und klappt sein Handy auf. »Soll ich den Notarzt rufen?«
»Nicht nötig, oder?«
»Schau uns nicht so an«, sagt der Junge. »Ja, meine kleine Schwester ist ins Gothic-Fach gewechselt. Ich steige eben aus dem ICE und werde von dieser Untoten angesprochen.« Das ist Morten (1,82 m; trinkt am liebsten Café Crème mit viel Zucker und süßt ihn nach, wenn keiner hinsieht). »Wenn es dir gut geht, kannst du ja gleich wieder an die Arbeit.«
»Stella?« Bica rappelt sich auf und reibt sich die Augen. Sie sucht nach einer Ähnlichkeit zwischen der pummeligen Fünfzehnjährigen, die sie als ihre Freundin Stella kennt, und dem Mädchen, das neben ihr kniet. Die schwarz gefärbten Haare mit dem Zacken im Pony streifen über Bicas Wange, und bei jeder Bewegung rasseln und rappeln Kettchen und Ringe.
»Welcher Gaul hat dich denn getreten, du Armes?«, fragt Stella (1,68 m; trinkt am liebsten einen Weißen mit Haut oder Latte Macchiato). Wir kommen gerade in den Flur, da sehen wir, wie du die sterbende Gans machst, echt filmreif.«
»Schwan«, sagt Morten.
»Klugscheißer.« Stella fühlt Bicas Stirn. »Totenbleich bist du.«
»Ich bin totenbleich?« Bica reißt ihr den Rucksack von der Schulter, ignoriert Stellas Proteste und kramt nach Tampons. Das mit ihrer Mutter hat sie nur geträumt, natürlich, Mütter kommen nicht einfach von den Toten zurück, schon gar nicht, wenn sie ein so angespanntes Verhältnis zur katholischen Kirche haben wie Maria Teves. Bica steht auf, lässt sich von dem Schwindel nicht abhalten, murmelt »Muss mich umziehen«, hastet in die Wäschekammer schräg gegenüber und schlägt die Tür zu.
Nur geträumt. Aber …
Während sie den Tampon auspackt, hört sie die Geschwister zanken. Wenn sie in den Ferien aus ihren Internaten kommen, haben sie jedes Mal eine Menge nachzuholen. Als Bica aus der Kammer tritt, sitzt Stella in dem geschnitzten Maori-Thron aus rotem Holz. »Die Kohle gibt’s morgen«, sagt sie leise zu Morten und lässt etwas in ihrer Tasche verschwinden.
»Schade, dass du dir die Leichenflecken weggeschminkt hast«, sagt er. »Sonst hätten wir heute Abend ein Halloween-Showprogramm für unsere Gäste.«
Bica, noch ein wenig benommen, stützt sich an einer alten Filmkamera ab. Der Apparat ist nur ein weiteres der vielen Souvenirs, mit denen Madame das Hotel vollgestopft hat.
»An Halloween«, sagt Stella, »kommen die Toten die Lebenden besuchen.«
»Und wen besuchst du heute?« Morten trägt seine Tasche zu der Wohnung, die er sich mit Stella teilen muss.
»Dich, heute Nacht, und dann ziehe ich dir das Klugscheißerhirn raus, wie es die alten Ägypter bei ihren Mumien getan haben.«
»Ich brauche frische Luft.« Bica will zur Treppe, aber Stella hält sie fest.
»Du legst dich hin, ich koche dir einen Tee.«
»Nein! Ein bisschen in den Garten, mehr brauche ich nicht.«
»Verstehe, du hast Besuch. Deshalb bist du in die Wäschekammer.« Stella wirft Morten einen Blick zu. »Hat sie einen Lover?«
Ihr Bruder schüttelt den Kopf.
»Wir können dich in deinem Zustand nicht allein lassen«, sagt Stella. Sie und ihr Bruder begleiten Bica nach unten.
Zustand? Sie ist in keinem Zustand, das ist ja gerade ihr Problem. Eh bien – eins ihrer Probleme.
Unten angekommen, laufen die drei an verwunderten Gästen und einem spottenden Küchengehilfen vorbei in den kleinen Garten im Hof, diesen gutmütigen Park mit seinen vier kitschigen weißen Bänken und dem gekiesten Weg, auf dem kaum zwei Füße nebeneinander gehen können. Bica verschränkt die Arme vor der Brust, ihr ist kalt, aber Kälte macht klar im Kopf, und während sich Stella und Morten weiter kabbeln, spaziert sie ein paar Runden um den Teich. Der Springbrunnen ist abgeschaltet um diese Jahreszeit, ein grüner Schlauch hängt ins Becken. Aus dem beschlagenen Küchenfenster dampft Bratenduft wie ein Gespenst. Ach, Mama. Hat sie den Verstand verloren?
»Das einzige, was du im Kopf hast, Zombie«, Morten bückt sich und rollt den Schlauch auf, »ist der Stecker deines iPod. LeCarré wurde Opfer einer Katze. Er war zu vertrauensselig.«
»Und jetzt liegt dein Kanariendings hier begraben, auf unserem eigenen Friedhof der Kuscheltiere.«
»Wellensittich.« Ein Geschenk seines fernen Vaters.
»Klugscheißer. – Aber das weißt du nicht: wie man Ramses den Zweiten bei seiner Überführung ins Museum deklariert hat. Na? Als ‚importierten Trockenfisch‘.«
»Glaubt ihr eigentlich an Wiederauferstehung?«, fragt Bica.
»Von Kanariendingern?«
»Sieh dir Stella an und du kennst die Antwort.«
»Ich bring dich um.« Stella stürzt sich auf ihren Bruder.
»Wag es ja nicht, siebzehn Jahre Investitionen zunichte zu machen.« Aus der Hintertür tritt Madame (1,73 m; trinkt am liebsten Café au lait mit vier Süssli, weil sie ihn schon hinunterstürzt, bevor sich die Süssli ganz aufgelöst haben). Über ihrem Schneiderkostüm weht ihre rote Mähne. Sie zieht ihre Tochter unsanft zwischen zwei Büsche. »Wenn die Gäste dich in diesem Aufzug sehen. Du siehst wirklich aus wie tot … Sorry, Bica.«
»Tut mir auch leid.« Morten blickt auf seine Schuhe.
»Wir wären gerne zur Beerdigung gekommen«, sagt Stella. »Ich meine, nicht gerne, obwohl Friedhöfe cool sind und alles.«
Sie stehen still neben dem Brunnen, Stella schluchzt leise. Als der Sarg mit Bicas Mutter in der Wand des Ofens verschwand, sahen ihm nur Bica und Madame und Herr Klaus nach. Bica wunderte sich über die Kühle in dem Raum mit den zwölf Stühlen, sie fragte sich, wer wohl auf einem davon einen roten Kinderregenschirm vergessen hatte. Bestimmt klärt sich alles von selbst, das mit ihrer Mutter, vielleicht, wenn ihre Tage vorbei sind.
Drinnen brüllt der Küchenchef Herr Klaus, »Wo bleibt die geklärte Butter?«, Pfannen klappern und der Duft von Oregano und sanft schmorendem Lammfleisch weht herüber.
Morten räuspert sich, Stella putzt sich die Nase. Bica vergräbt die Hände in den Taschen. Der Krankenwagen und der Leichenwagen, nebeneinander hatten sie vor dem Hotel gehalten, der eine blinkte eilig, der andere hatte ganz viel Zeit, und beide verliefen in Bicas Augen.
»Keiner bekam den Kaffee so gut hin«, sagt Morten. »Wisst ihr noch, wie Herr Klaus sie in seinen Kleidern samt Kochmütze in die Küche schmuggelte, damit sie dem Tester vom Guide den Espresso kochen konnte?«
»Und wie cool sie war«, sagt Stella, »als sie auf dem Speicher die ausgebüxten Affen von diesem Zirkustypen einfing, mit diesem Lasso aus Wäscheleinen?«
Madame nickt.
»Ich habe dem Bestatter erklärt, dass du kein Brimborium willst«, sagt sie leise zu Bica. In dem Moment spielt ihr Handy los, eine von fern vertraute Melodie. Sie drückt den Anruf weg, was ihr einen überraschten Blick von ihren Kindern einträgt. Brimborium – das Wort hätte Bicas Mutter gefallen, nur das Wort: unnützes Getue mit zehn Buchstaben.

Beinahe hätte sie den Elefantengott umgeschmissen. Nach der Ankunft von Madames Kindern hat Bica sich zurück in die Arbeit gestürzt. Hektisch saugt sie den blauen Läufer im Ersten und den blauen Wandteppich darüber und schiebt die Statue von Ganesha am Rüssel zurück auf ihren Platz. Als sie am Ende des vorderen Flurs bei dem imposanten Papp-Engel ankommt, einem Mitbringsel Madames aus Buenos Aires, bricht ein Schluchzen aus ihr heraus. Sie lässt den Staubsauger fallen und rennt nach unten, schnappt sich an der Rezeption ohne zu fragen die Jacke der Klenert und stolpert, noch in ihren Latschen, auf die Straße. Hinter sich spürt sie das Hotel, die sonst so freundliche Fassade grau vom letzten Regen, die leeren Fenster – hinter keinem von ihnen steht ihre Mutter. Einfach von den Toten zurückzukehren, und das nur, um ihre Tochter an ein blödes Versprechen zu erinnern, das wäre typisch für sie. Ihre Mutter musste immer alles anders machen als die anderen. Ach, Mama.
Ziellos läuft Bica herum. Die Straßen ziehen sich so gerade, die Häuser wachsen so hoch, als wollten sie das Leben ihrer Bewohner in feste Bahnen lenken. Überall auf der Welt nennen die Einheimischen ihre Stadt einfach nur »die Stadt«, überall auf der Welt nennen sie die Mutter Mutter. Ein Name ergibt nur bei entfernten Dingen einen Sinn: So wie Galão, so wie João.
Die Stadt hier hat deshalb keinen Namen, weil Bicas Mutter ihr nie einen gab. Eine Stadt heißt erst dann Saarbrücken, Straßburg, Paris, wenn dir deine Mutter verrät, wo sie dich dieses Mal hingeschleppt hat.
Auf der Fußgängerbrücke, die in einem Bogen über den Zoo hinüberführt, bleibt Bica stehen. Der Buckel des breiten Weges erinnert sie an den Canal Saint Martin in Paris, wo sie als Kind spielte und wo sich Brücken sanft über das Wasser wölbten, als überspannten sie den Bauch einer Schwangeren. In den leeren Außengehegen unter ihr stehen ein paar große Vögel und eine Antilope wie steifgefroren zwischen Felsen. Davor Familien.

Alles nur noch verdorrter Jugendstil. Zum ersten Mal, seit sie hier lebt und arbeitet, fühlt Bica sich fremd in der sonst so einladenden Lobby. Die hohen Fenster mit ihren sich windenden, grünen und goldenen Rahmen wirken nicht mehr wie Licht und lebende Pflanzen. Die Last der Welt, die Atlas neben der Drehtür sonst so mühelos meistert, ist ihm heute unerträglich. Zurück von ihrem verbotenen Spaziergang durch die Kälte vermisst Bica den Duft nach frischen Äpfeln und Meer. Stattdessen hängt der Geruch nach verbranntem Fisch in der Luft. Die liebevoll Lounge genannte Sitzecke mit Grünpflanzen ist ebenso verwaist wie die Rezeption, die die Klenert sonst hält wie eine Karavelle gegen den Sturm. Von der Treppe kommt Madames Stimme: »Bica?«
Rasch läuft Bica zu dem kleinen Aufzug. Keine gute Idee, Arno steht schon da drin, sie hätte ihn riechen müssen. Sie drückt den dicken Knopf mit der verschnörkelten 2.
»Was machst du denn hier?« Ob sie bis zum zweiten Stock die Luft anhalten kann?
»Es war niemand im Foyer, da dachte ich, ich sehe mal nach, ob der Aufzug nach Anna duftet.« Anna ist seine Frau, eine aus besseren Tagen, als Arno noch Beruf und Zuhause hatte. Er atmet tief ein. »Es riecht nach Poison, oder?«
Bica wagt keinen Atemzug, der Aufzug ruckelt nach oben. Für den dritten Stock, in dem die Wohnungen sind, braucht man einen Schlüssel, aber den hat Bicas Mutter im Schloss unter den Etagenknöpfen abgebrochen.
Der Aufzug hält, Bica tritt in den Flur und schnappt nach Luft. Ihr kommt eine Idee.
»Ich habe Anna gesehen. Ich bringe dich zu ihr.«
Arno zögert. »Madame hat mir verboten, ins Hotel zu kommen.«
»Ich werde ihr nichts sagen. Los, nur eine Treppe.«
Arno folgt ihr langsam und staunend über den dicken Teppich nach oben und bleibt vor jedem Bild stehen – Fotos von Madames Familie bis zurück ins vorletzte Jahrhundert. Endlich im rotgoldenen Theater-Flur im Dritten angekommen, fragt Arno: »Was soll ich ihr denn sagen?«
»Lass sie reden.«
»Das ist gut, ja, das war immer das Beste.«
Bica schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf. Wenn Arno ihre Mutter auch sieht, dann ist sie nicht verrückt geworden. »Geh nur rein, los.«
Arno lugt ums Eck.
»Anna?«, flüstert er.
»Du brauchst nicht zu flüstern. Geh einfach rein.«
»Ist dieser Zahnarzt auch da?«
»Der ist gegangen.«
»Hoffentlich für immer. Ich kann dieses Individuum nicht ab.«
Bica schiebt ihn in die Wohnung und folgt ihm zögernd. Keine Spur von ihrer Mutter.
»Anna?«
»Sie ist wohl schon weg.«
»Aber du hast gesagt …« Arno hat Tränen in den Augen.
»Tut mir leid, tut mir leid.« Wie ist sie nur auf diese blöde Idee gekommen? Zumal Arno überhaupt erst durch sie von Annas Affäre erfuhr und seitdem dauernd im Hotel herumlungert. Am meisten leid aber tut Bica, dass sich die Rückkehr ihrer Mutter doch nur als Hirngespinst entpuppt hat. Ach, Mama.
»Wo ist sie hin?«, fragt Arno.
»Komm, du solltest gehen, bevor Madame dich findet.«
»Ich dachte, sie wollte mit mir sprechen.«
Bica zieht Arno zur Treppe, und plötzlich gibt er jeden Widerstand auf. Unbemerkt schafft sie ihn nach unten und durch den Hinterausgang hinaus. Sie ist den Tränen nahe, weil er den Tränen nahe ist und fühlt sich wie ein Scheusal.
An der Rezeption leiht sie sich Raumspray von der Klenert (1,66 m; trinkt am liebsten Eiskaffee, wenn ihre Kinder sie nicht stören) und beduftet den Weg, den sie mit Arno genommen hat. Dieser Zitronenduft ist eine von Bicas eigenen Mischungen. Vor ein paar Jahren hat sie mit Stella zusammen flaschenweise verschiedenste Duftwasser für das Hotel kreiert. Sie schießt einen Schwall Zitronen in ihre mutterseelenverlassene kleine und auf einmal so große Wohnung, und der Duft regnet nieder auf angestoßene Möbel aus Hotelbeständen, auf den schokoladenbraunen Dielenboden und benetzt die Sprossenfenster, die sich bis unter die hohe Decke strecken. Da tritt ihre Mutter aus dem Bad.
»Warum sprühst du denn hier wie wild?«
Bica strahlt und ist glücklich und würde ihr am liebsten um den Hals fallen, und sämtliche Naturgesetze und Friedhofsordnungen können sie mal. Aber dann zögert sie, ganz geheuer ist ihr die Sache nun doch nicht, und lächelt ihre Mutter nur breit an.
»Was hast du denn, mein Honigkuchenpferd?« Verwirrt blickt sie an ihrem Nachthemd herab. »Und was habe ich eigentlich?«
»Du«, Bica holt tief Luft, »du bist krankgeschrieben.«
»So? Ich erinnere mich nur an diesen Lulatsch von einem Arzt. Hatte keine Ahnung und tat wichtig – das Übliche.« Sie greift nach der Tageszeitung, die auf dem Couchtisch liegt. »Den wievielten haben wir heute überhaupt?«
»Ach, die ist alt.« Bica zupft ihr die Zeitung aus der Hand, bevor ihre Mutter sie aufschlagen kann, faltet sie zusammen und steckt sie in ihre Kitteltasche. »Ich bringe dir nachher die neue mit.«
»Heute müsste Donnerstag sein.« Bicas Mutter schiebt das Nachthemd hoch und kratzt sich am Knie, betrachtet es, als benähme sich dieser Körperteil anders als gewohnt.
»Mittwoch«, sagt Bica, und dann fällt ihr Blick auf die zehn, zwölf Kalender, die überall hängen, neben der Tür und neben dem Spiegel, zwischen den Azulejos über der Spüle, zwischen den Fenstern, im Flur zu den Schlafzimmern: Werbegeschenke von Lieferanten. Mittwoch, das immerhin stimmt. »Der … der siebzehnte.« Das ist eine Lüge. Am achtzehnten ist ihre Mutter gestorben, vor dreizehn Tagen. Zum Glück hat Bica seither keins der Kalenderblätter abgerissen.
»Mittwoch.« Maria blickt zu einem der Monatskalender mit aufreizend posierenden Kaffeevollautomaten von DeLonghi. »Marlene wollte heute mit mir den neuen Vertreter von Franke in Augenschein nehmen. Und wer nimmt die Zimmer ab? Doch nicht etwa du?«
Ohne zu antworten, stolpert Bica an ihrer Mutter oder am Geist ihrer Mutter oder an ihrer eigenen Phantasie oder an ihrer eigenen Verrücktheit vorbei in das schmale Bad, knallt die Tür zu und sinkt aufs Klo.
Warum ist ihre Mutter zurückgekommen? Um sie an ihre Pflicht als Tochter zu erinnern, gefälligst ein Kind zu kriegen? Oder wegen DER SACHE? Nein, daran darf Bica nicht denken; womöglich können die Toten Gedanken lesen. DIE SACHE MIT MAMA, so wird sie es nennen: DISAMIMA. Wie eine gefährliche Krankheit klingt das, und das passt irgendwie – Disamima. Und jeden weiteren Gedanken daran wird sie in ihrem Kopf ganz dick und fett durchstreichen.
Ein Klopfen an der Badezimmertür. »Ist dir schlecht?«
»Meine Tage.« Außerdem tut die alte Narbe da unten weh.
»Wenn du dich mehr um dich kümmern würdest – und um die Gründung einer Familie …«
»Ja, Mama.« Mit wackligen Knien zieht Bica sich am Waschbecken hoch und öffnet die Tür. Ihre Mutter sieht genau so aus wie an dem Tag, als … als sie starb: hager und mit den für ihr Alter zu tiefen Falten und der schelmischen Strenge dahinter. Nur das lange, schwarze Haar hat den Glanz verloren, der für Bica ein Leben lang so selbstverständlich war wie das Funkeln der Sterne. Bis zu ihrem Tod hatte Maria Teves nie die Kontrolle über ihr Aussehen verloren. Über ein paar andere Dinge schon.
»Komm zu mir, meine Kleine, bis die Krämpfe aufhören.« Sie geht wieder zur Couch. »Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe.«
Bica setzt sich, aber an den dunklen Esstisch mit seinen tausend Narben, Einstichen und Flecken, nur nicht in die Nähe ihrer Mutter. Ihre Beine schlingen sich um ein Tischbein und sie schiebt sich eine der Pralinen in den Mund, die seit zwei Wochen trostbereit in der Schale mit den Zuckertütchen liegen.
»So wie ich muss sich eine Spinne nach einer Rutschpartie durch den Staubsauger fühlen.« Maria springt auf und schüttelt und schlägt ein Kissen in Form. »Stell dir vor, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was mir überhaupt fehlt.«
Bicas Hand wandert zu ihrer eigenen Brust; schnell lässt sie sie sinken.
»Bronchitis?« Maria atmet schnell ein und aus und hustet probeweise.
»Eine verschleppte.« Bica schnippt einen Schokoladenkrümel auf den dunkelgrünen Teppich und sortiert die verbliebenen Pralinen.
»Wo sind meine Tabletten?«
»Alle.«
Vor dem Spiegel neben der Wohnungstür unterzieht Bicas Mutter ihr Gesicht einer gründlichen Untersuchung, streckt die Zunge heraus und sucht in ihren Augen nach Zeichen einer Krankheit; schließlich nimmt sie eine Taschenlampe und leuchtet sich in den Hals.
Nie und nimmer darf ihre Mutter von Disamima erfahren. Nur so lange sie nichts von ihrem Tod weiß, ist Disamima sicher. Bica wird sie wie die Kranke behandeln, die sie vor ihrem Tod war – eine Kranke, die nichts von der Schwere ihrer Krankheit ahnte.
»Du hast nichts Ernstes.« Sie nimmt eine zweite Praline. Damit ihre Pobacken wenigstens gleichmäßig dicker werden.
»Eine Krankheit ist immer ernst, sonst wäre es keine Krankheit.«
»Du hast ja Recht, Mama. Deshalb solltest du auch nicht rumlaufen. Leg dich hin, komm, ich bring dich wieder ins Bett.«
»Komm mir bloß nicht zu nahe mit deinen Schokoladenfingern. Machst du mir einen Kaffee? Aber stark, du weißt ja …«
»Zum Tote aufwecken stark.« Bica schlägt sich die Hand vor den Mund.
Maria lacht, heiser klingt das, als hätte sich all der Kaffee aus mehr als fünfzig Jahren auf ihren Stimmbändern abgesetzt wie in einer alten Kaffeekanne.
»Was ist, minha mocinha? Bist du auf einmal abergläubisch geworden?«
Das nicht. Aber sie muss an eine Geschichte denken, die ihre Mutter ihr früher oft erzählt hat, das Märchen von dem weißen Mädchen im Kaffeesee, das seiner toten Großmutter Kaffee einflößte und sie so zurückholte ins Leben. Aber die Großmutter hatte man zuvor nicht eingeäschert. Wenn sogar ein Märchen glaubwürdig klingt, weißt du, mit deinem Leben stimmt etwas nicht.
»Ich soll dir Kaffee kochen?« Zögernd geht Bica zur Küchenecke, königsblau wie der Wandschrank, mit der kleinen Kühlgefrierkombi und den Azulejos, die darauf kleben. Als wären sie eine Fortsetzung der zusammengewürfelten Möbel und Stoffe, streiten sich im einzigen Oberschrank Dutzende von bunten Dosen und Päckchen mit Kaffeebohnen um einen Platz. Die einzigen anderen Lebensmittel, eine Tüte Milch und eine Dose Pfirsiche, haben sich in die hinterste Schrankecke verkrochen. »Ich kriege den Kaffee doch nie so perfekt hin wie du.«
Es klopft. »Bica? Bist du da?« Madame.
»Geh nur«, sagt Maria zu Bica. »Und bring mir die Fernbedienung, dann komm ich schon zurecht.«
»O je, der Fernseher ist doch kaputt.« Bica lässt die Fernbedienung in eine Tasche ihres Kittels gleiten; leise klackt sie gegen die Spritze.
»Auch das noch. Wenigstens spielen die Encarnados heute nicht. Bem, ist auch besser, so wie Simão derzeit daneben schießt.«
»Bin sofort da!« Bica rennt zur Tür.
»Wo kommen denn die ganzen Karten auf der Anrichte her?«, fragt Maria.
Die Kondolenzkarten für ihre Mutter! Bica rafft die Karten zusammen.
»Eine Überraschung, ein Spaß, für Herrn Vossbrink.« Herr Vossbrink, der Sous Chef und Patissier des Restaurants, ist ein Toter, der unter den Lebenden weilt. So sagt er selbst, und erzählt jedem – jedem – von seinem Unfall. Bica stopft sich auch die Karten noch in ihre Taschen.
»Pass auf, du machst sie kaputt. Stellas Idee, hm? Zeig doch mal.«
»Jetzt nicht, ich muss arbeiten.«
»Es wird heute aber früh dunkel. Schlag dir den Kragen nicht immer um.«
Draußen holt Bica sich ihren Anschiss bei Madame und hastet zurück an die Arbeit. Ihre Mutter sollte tot sein und in ihrer Urne – aber was weiß die kleine Bica denn schon.

In vier weiteren Zimmern hat Bica Kondome gefunden und mit der Hoffnung durchgepiekst, dadurch ihre Pflicht als Tochter zu erfüllen (darunter auch ein Amor extra-klein). Zurück in ihrer Wohnung, findet sie am offenen Fenster vor der nächtlichen Stadt ihre Mutter. Maria Teves wischt den Rahmen ab und macht keine Anstalten, sich in Luft aufzulösen. Sie singt, ihr schlanker Rücken wiegt sich im Takt des roten Blinkens von riesigen Kränen weit, weit hinten über den Dächern.
»Du holst dir eine Lungenentzündung.« Bica schließt das Fenster. Dieselgestank von der Straße bleibt im Raum. »Hat dich jemand gesehen?« In einigen Fenstern des Mietshauses gegenüber brennt Licht.
»Und wenn?«
»Setz dich wieder hin.« Bica wirft ihr die Wolldecke zu, und Maria mummelt sich gehorsam darin ein. Sonst lässt sie sich von niemandem etwas sagen, fühlt sich als Hausdame des Hotels für alles verantwortlich; gelegentlich gibt sie sogar ihrer eigenen Chefin Anweisungen. Sie zieht eine große Kaffeedose aus Blech unter der Decke hervor, nimmt sie auf den Schoß und fängt an, sie mit dem Fensterleder zu polieren.
»Warst du in meinem Zimmer?« Bica unterdrückt die Regung, die Dose an sich zu reißen. Die getrocknete Rosenblüte liegt darin, aus dem Strauß, den ihr Peter damals mitbrachte. Und das Foto, das ihre Mutter niemals finden darf.
»Mein Lebtag nicht würde ich es wagen, in deinen kostbaren Souvenirs zu schnüffeln. Für die Erinnerungen, in denen ich schwelgen möchte, genügt die Dose vollauf.« Sie fährt dem kantigen Model auf der Dose über den breiten Mund. »Ja, du hast gut lachen, meine Liebreizende.« Die Liebreizende könnte ein Blend aus einer Südamerikanerin und einer Frau aus Afrika sein. Das Lächeln aus Kandiszucker aber ist von Kaffee gänzlich unbefleckt.
»Grand Café«, singt Maria mit einem versonnenen Lächeln. »100 % Arabica, moulu. Damit das Leben dagegen weniger bitter schmeckt.«
Der letzte Satz erinnert Bica an Duardos Erklärung des kleinen Todes. Sie geht in ihr Zimmer und zieht sich um. Ihre Mutter kommt ihr nach, bleibt in der Tür stehen und sieht Bica zu.
»Du solltest dich mal wieder brausen.«
»Duschen«, murmelt Bica. Sie schnuppert an einem Shirt.
»Von wem hast du bloß diese Schnupperei, du bist doch kein Hund, nicht einmal ein Mann.«
»Frau Kohn ist übrigens wieder da, mitsamt ihrem kleinen Frederick. Er wird immer grauer um die Schnauze herum.«
»Bem, wenigstens weiß ich, dass du deine Obliegenheiten ordentlich machst. Aber dein Auto braucht eine neue Plakette, du musst das Weihnachtsgeschenk für Sofia besorgen – und wann warst du das letzte Mal beim Frauenarzt?«
Obliegenheiten. Dass ihre Mutter gerne veraltete deutsche Wörter benutzt, hat ihr sonst immer gefallen; jetzt irritiert sie die vertraute Marotte. Zu sehr ähnelt diese vollkommen-ausgeschlossen-und-unmögliche Frau dadurch ihrer Mutter. Der Mutter, die sie so gerne in den Arm nahm und die sie jetzt nicht anzurühren wagt, aus Angst, sie könnte sich kalt anfühlen oder sich in Nichts auflösen.
Bica zwängt sich in eine abgewetzte schwarze Cordhose und zieht ein graues Sweatshirt mit Kapuze über. Da fällt ihr ein, wie sie auch ohne Arno feststellen kann, ob ihre Mutter wirklich in Fleisch und Blut wiederauferstanden ist.
»Vielleicht«, sagt Maria, »könnte der Doktor dich mal in inspizieren, er ist doch sowieso fast jeden Tag im Hotel.« Doktor Leber – der Artikel begleitet ihn wie ein Vorname. »Er hat schöne Hände. Wusstest du, dass er auch eine Mätresse hat?«
»Klar, Mama«, sie hatte keine Ahnung, »ich bin gleich wieder da.« Bica rennt hinaus.
Um diese Zeit sitzt die alte Frau Kohn meist in der Bibliothek, der kleine Frederick schläft unter ihrem Stuhl. Die Bibliothek liegt in der zweiten Etage, für Bica der Dschungel-Flur: ganz in Grün und Gold gehalten und mit melanesischen Masken aus Baumfarn und schwarzen Schaufensterpuppen in Kikuyu-Tracht dekoriert. Madame hat allen Zimmern Namen gegeben, aber den Fluren nicht. Sie sind angelegt wie ein H, die eine Hälfte der Zimmer geht nach vorne zur Straße raus, die andere nach hinten zum Hof.
Bica öffnet die gepolsterte Tür und tritt leise ein. Drei Wände voller Bücher dienen sich den behaglichen Sesseln und Tischen aus dunklem Holz in ihrer Mitte an. Früher einmal mochte Bica Bücher. Die bunte Vielfalt in den Regalen erschien ihr wie ein Abbild der Vielfalt des Lebens. Sie hat Bücher verschlungen, und dann verschlang das Leben sie. Nein, sie will nicht daran denken, lieber blickt sie durch die vierte Wand – ganz aus Glas – und versinkt in dem Bild auf der Hauswand gegenüber. Scheinwerfer strahlen ein Trompe l’Oeil an, ein plastisches Gemälde, in das man sofort hineinsteigen möchte. Das Motiv zeigt die Halbinsel Yukatan: Meer, weißer Sand, Urwald und über den Bäumen die Spitze einer Maja-Pyramide. Wer gute Augen hat, erkennt auch den Priester und sein Menschenopfer.
Frau Kohn sitzt in Richtung Fenster. Sie ist eine berühmte Forscherin gewesen. Sie liebt Bücher. Sie braucht in der Bibliothek nur ein Buch in ihrem Schoß aufzuschlagen, und schon schläft sie erholsamer als in jedem Bett. Auch jetzt schnarcht sie vornehm in den tiefen Polstern.
»Frederick«, wispert Bica.
Der schwarze Terrier unter Frau Kohns Sessel blickt auf. Das weißbärtige Gesichtchen erinnert Bica an ihren letzten Religionslehrer. Langsam krabbelt sie zu ihm hin. Er knurrt leise. Mit einem alten Bonbon versucht sie, ihn hervorzulocken. Vergeblich, er zieht nicht einmal die Schnauze kraus.
»Na, komm schon, mein Braver.«
Er kommt nicht, kriecht nur weiter von Bica weg. Kurzerhand zieht sie ihr Sweatshirt aus und wirft es dem Hund über. Das kleine Bündel rührt sich nicht, und rasch packt Bica zu. Frederick gibt keinen Laut von sich.
Im Flur läuft ihr die Klenert über den Weg, ein Tablett mit einer dampfenden Suppe in der Hand. Jedes Mal, wenn die Klenert mal nicht hinter ihrer Rezeption ist und Bica ihr im Hotel begegnet, wundert sich Bica, dass sie Beine hat. Sie wäre eine gute Nachrichtensprecherin geworden.
»Was versteckst du denn da?«, fragt sie Bica.
»Jedenfalls nicht meine Beine.«
Bica läuft die Treppe hoch.
»Halt noch ein bisschen durch, mein Braver.« Mit dem Fuß schiebt sie ihre Wohnungstür auf.
»Bist du es, Bica?« Ihre Mutter ist im Schlafzimmer.
Behutsam legt Bica das Bündel auf den roten Läufer, der bis vor ein paar Jahren noch auf der Hoteltreppe lag.
»Den kennt dein Näschen bestimmt noch, den Teppich«, flüstert Bica. Sie zieht das Sweatshirt weg. »Na los«, sanft schubst sie den kleinen Po, »schnupper mal an Mama, ich bin gespannt, ob du sie erkennst.«
Maria kommt aus ihrem Zimmer, aber Frederick wirft ihr nicht einen Blick zu. Er dreht sich um und flitzt an Bica vorbei durch die offene Wohnungstür.
»Merde.«
»War das Frederick?«
Bica schnappt sich das Sweatshirt und rennt dem Terrier nach. Links endet der Flur bei der Suite für persönliche Gäste von Madame, rechts begrenzt ihn die Tür zu Madames eigener Wohnung. Dort, hinter den Füßen der lebensgroßen Statue, einer Muse von Thorvaldsen, lugt ein kleiner schwarzer Po hervor. Bica hört Frederick schniefen – seine Stauballergie? Oder missfällt ihm der Duft, den Bica beim Saugen hier versprüht, nach Rosen, Brombeeren und frisch geschlagenem Holz?
»Gleich hab ich dich.« Langsam geht Bica auf Frederick zu, das Sweatshirt wie ein Netz in den ausgestreckten Armen, und stürzt dann auf ihn los. Dieses Mal ist der Hund schneller und flitzt an Bica vorbei. Bica folgt ihm die Treppe hinunter in die zweite Etage. Beinahe stolpert sie über die Kordel mit dem Schild PRIVAT, das den Gästen, nicht immer erfolgreich, den Zutritt in die dritte verwehren soll. Frederick kratzt schon an der Tür zur Bibliothek. Sie will sie ihm öffnen, da wetzt er abermals davon und versteckt sich. Bica keucht, sie kann nicht mehr, Frederick bellt ihr aufmunternd zu, ein Wunder, dass er bis eben still war.
»Komm doch her, bitte.« Bica schleicht sich heran. Sie stellt sich vor, wie sie ein Kleidungsstück nach dem anderen auszieht und nach dem kleinen Sprinter wirft.
»Frederick?« Frau Kohn.
Der Gerufene bellt einmal auf und saust zwischen Bicas Beinen durch zur Bibliothek, wo sein Frauchen schon auf ihn wartet. Nachdem Bica das Sweatshirt wieder angezogen und ein paar Worte mit Frau Kohn gewechselt hat, trottet sie zurück in ihre Wohnung.
»Wo musstest du denn so eilig hin?« Maria spült Geschirr, das Licht in der Küchenecke ist die einzige Beleuchtung. »So viele Gläser und Tassen. Man könnte meinen, du hättest eine Party veranstaltet.«
»Ich habe ein Bellen gehört. Und dann musste ich Frederick einfangen.« Dass sie fast zwei Wochen kein Geschirr gespült hat, sagt Bica nicht.
»Bei aller Tierliebe, dieses Hotel ist keine Pension für Schoßhunde. Gehst du noch weg?«
»Ja.« Bica stellt sich kurz an den roten Strich zwischen Spiegel und Wohnungstür: ihr Ritual, wann immer sie die Wohnung verlässt. Mit der flachen Hand markiert sie an der Wand ihre Größe und rechnet die Schuhe ab: ein Meter neunundvierzig, die Obergrenze der Winzigkeit.
»Eine Verabredung? In diesem Aufzug?«
»Ich geh nur spazieren.«
»Ich hab mir auch Zeit gelassen mit den Männern«, sagt Maria, »viel zu viel, ich dachte, Zeit ist so etwas wie Milch: Man geht einfach in den nächsten Laden und holt sich frische.«
»Hast du nicht schon genug angerichtet mit der Suche nach einem Mann für mich?« Bica holt ihre Jeansjacke aus dem Garderobenschrank und macht einen weiten Bogen um ihre Mutter. »Adeus.«
»Aber so kannst du nicht mal spazieren gehen. Deine Haare. Dein … alles.«
Bica rettet sich nach draußen und schließt ab. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, streckt sich wie eine Balletttänzerin, um vielleicht doch noch ein Stück zu wachsen, um vielleicht … Lautlos weinend rutscht sie an der Wand zu Boden. Die Krämpfe fangen wieder an.
»Creme dir wenigstens die Hände ein!«, ruft ihre Mutter hinter der Tür.

In einem vornehmen Wohngebiet schnurrt Bica in eine Parklücke am Rand einer dunklen Straße. Ein letztes Husten, dann ist er still, ihr treuer, alter 2CV (1,60 m hoch; trinkt am liebsten Normalbenzin). Damit sie von draußen nicht gesehen wird, zieht sie die beiden Kissen unter ihrem Po weg und wirft sie auf den Beifahrersitz. Drei, vier Kondolenzkarten schluppen aus der Ablage. Sie wegzuwerfen? Sie bringt es nicht übers Herz. Stattdessen stopft sie die Karten zurück und legt noch den Schlüssel ihrer Mutter dazu, den sie ihr heimlich weggenommen hat. Ohne Schlüssel verlässt Maria Teves nie ihre Wohnung, weder tot noch lebendig noch sonstwie.
Ja, sie hätte daheim bei ihr bleiben sollen, aber sie muss doch auf ihrem Posten sein. Besuchstag im Wolkenkuckucksheim, so würde ihre Mutter diese Nachtwache nennen. Wenn sie wüsste, dass ihre Tochter sich dafür sogar geschminkt und in der Tiefgarage in einen Rock und eine Bluse mit Ausschnitt gezwängt hat!
An Bica nagt das Gewissen. Unaufhörlich muss sie an einen Ausspruch ihrer Mutter denken, eine Art Familienregel, die Pflicht aller Nachgeborenen: Wenn dein Vater und deine Mutter sterben, müssen Kinder da sein, um sie zu ersetzen, sonst kommen deine Eltern nicht in den Himmel. Bica, die ganzen einsneundundvierzig ungeschwängert und kinderlos, hat ihre Pflicht nicht erfüllt. Mag sein, diese Regel ist verrückt. Mag sein, es genügt zur Himmelfahrt, wenn Bica bei anderen Müttern durch fleißiges Kondomgepiekse für Nachwuchs sorgt. Mag sein.
Bicas Himmel liegt auf der anderen Straßenseite: eine Villa in einem großen Garten. Unter einer kupfernen Regenrinne versteckt sich die rote Warnlampe einer Alarmanlage. Vor einer der drei Garagen parkt ein gelber Sportwagen. Bica stellt sich vor, in diesem Wagen durch die Nacht zu rasen, Galãos Hand streicht ihr nacktes Bein hinauf. Ihr Kind hätte Ende Juli zur Welt kommen können.
»Hui« – mehr brachte sie nicht heraus, als sie Galão das erste Mal sah, der kleine Laut eines Ballons, der in ein leer geglaubtes Zimmer schnurrt. Das Wohnzimmer gegenüber ist leer; das Licht auf den weißen und gelben und braunen Möbeln und Polstern und Wänden ist so warm wie unter einem Federbett.
Ein Windstoß wiegt das Auto, Blätter klicken auf die Windschutzscheibe, ein paar Tropfen. Wie ein Seestern klebt vor ihr ein rotes Ahornblatt. Vom Rücksitz nimmt sie die Wolldecke und legt sie sich um.
Da! Sie richtet sich auf, vergisst die Kälte. Galão tritt in den Raum, das Telefon am Ohr. Er gestikuliert, stark sieht das aus, auf eine erregende Art furchteinflößend. Während er spricht, schaltet er den Fernseher ein; das Licht wird kühler.
Sie hat noch ein paar Stunden schmerzlich schönes Schauen und Sehnen vor sich, bis er ins Bett geht. Bevor er mit seiner Frau schläft oder nicht, mit der Frau, die nicht weiß, was Bica weiß: dass er eine Geliebte hat, eine andere. Er roch noch nach dieser anderen, vor zwei Wochen in Tante Gitta (314), und zu den beiden Themen des Zimmers – alle Zimmer im Hotel haben zwei Themen, die etwas mit ihrem Namenspatron zu tun haben -, zu »Glenn Miller« und »Frauenbeine« gesellte sich ein drittes, weit aufregenderes Thema hinzu. Bica lächelt in sich hinein, aber, ach, selbst Lächeln tut weh.
Sie könnte bei Galão klingeln, sie könnte »Hui« sagen und hoffen, dass Galão ihren Scherz versteht. Sie könnte ihm sagen, dass sie schwanger ist, sie könnte sich das Verbandskissen aus dem Kofferraum unter die Bluse schieben und die Backen aufblähen. Was ist schon eine Lüge, wenn sie der Liebe dient?
Sie nimmt das Sandwich aus der Plastikdose. Herr Klaus hat schwarze Trüffel über den toskanischen Schinken geraspelt.
Galão steht auf, er geht umher, und weil immer nur Teile von ihm kurz durch ihr Blickfeld huschen, setzt Bica ihn sich eben selber zusammen – aus dem Artikel in der Lokalzeitung, in dem ihn eine Journalistin schwärmend (aber kein bisschen übertrieben!) als »charmanten Charismatiker im Idealmaßanzug mit Idealmaßleib, dem Kopf eines cleveren Geschäftsmanns und dem Herzen eines Wohltäters« beschrieb; sie setzt ihn sich zusammen aus ihrer körperwarmen Erinnerung an seine Muskeln, seine glatten Wangen, die grauen Augen, die tiefe Stirn und an das gebleichte Haar, das ihn in Wohltateinheit mit seiner gebräunten Haut aussehen lässt wie einen portugiesischen Milchkaffee im Glas, wie einen Galão eben.
Der Wind rüttelt am Auto. Telefoniert Galão mit Madame? Bicas Chefin ist erst fünfundvierzig, eine schöne Frau mit einem festen Hintern. Und sie hat anders reagiert als sonst, als Bica sie nach dem Gast fragte, hat Bica weder Namen noch Adresse verraten. Wie gut kennt Madame ihren Galão? Wie nackt?
Oh ja, Madame hat einen großen Busen und ein feines Hotel. Wer ist da schon die möblierte, kleinbusige Bica, zu der jeder kleine Bica sagt? Die kleine Bica, die nicht zu Gesichtern spricht sondern zu Krawattennadeln (wenn sie in Turnschuhen steckt) oder Krawattenknoten (wenn sie sich mal hohe Schuhe kaufen würde)? Die jeder für ein bisschen naiv hält und die immer, ganz buchstäblich, im Schatten anderer steht? Die kleine, nicht schwangere Bica?
Sie beißt in ihr Sandwich.
»Niemand.«

Durch eine Gruppe von Hotelgästen in Abendgarderobe drängelt Bica sich durch die Lobby. Bei Kerzenschein und leiser Musik tun sie so, als gäbe es an einem verrückten Tag wie diesem etwas zu feiern. Wer weiß, vielleicht haben sie ja Recht. Stella, in ihre Service-Uniform gezwängt und ein Tablett mit Kanapees auf dem Arm, hat Bica erspäht.
»Wo kommst du so spät noch her?«, fragt sie leise. Bica stibitzt drei Kanapees, eine Antwort gibt sie keine. Oben, vor der Tür zu ihrer Wohnung, betrachtet sie den Schlüssel in ihrer Hand. Er sieht mit seinen Zacken aus wie ein Bruchstück von etwas Bedeutendem: Finde das passende Gegenstück und du findest die Liebe.
Ja, klar. Gedämpft klingt Lachen zu ihr herauf.
An den meisten Abenden streift sie vorm Schlafengehen noch allein durchs Hotel, auf der Suche nach Geräuschen, die nach Sex, Erotik, Liebe klingen. Manchmal geht sie heimlich in eins der leeren Gästezimmer, legt sich aufs Bett und reist mit den Liebenden auf der anderen Seite der Wand in glücklichere Länder. Und manchmal nascht sie die Schokolade vom Kopfkissen weg.
Lange Zeit war die Lauscherei das Aufregendste in Bicas Leben – und das bei einem kleinen Hotel mit gerade mal vierzehn Zimmern.
Nein, für ein Gespräch mit ihrer toten Mutter oder dafür, sie ein zweites Mal zu verlieren, ist sie noch nicht bereit. Sie steigt die stille Treppe zu den Gästezimmern hinunter.
Tante Gitta (314) im vorderen Flur ist belegt von einer dünnen, rothaarigen Frau mit verwegenen Pumps und einem sympathischen Mann, Typ Weltenbummler. Als sie gestern ankamen, konnten sie nicht schnell genug aufs Zimmer kommen. Bica presst das Ohr gegen die Tür mit den beiden Symbolen, die wie an jeder Tür das Thema des Zimmers anzeigen, hier ein Bild mit drei tanzenden Beinpaaren und ein Foto vom spitzbübisch lächelnden Glenn Miller mit seiner Posaune. Dieselbe Tür schlug vor zwei Wochen im Durchzug zu und ließ Bica – verboten, verrückt, verzaubert – mit Galão allein.
Menschen auf der anderen Seite der Wand oder hinter einer verschlossenen Tür zuzuhören ist ein bisschen, als belauschte man Gespenster. Heute hört Bica nichts. Auf dem uralten Plattenspieler, den sie schon tausend Mal abgestaubt hat, schweigt Glenn Miller.
Einmal mehr musste Bica heute ohne Galãos Lächeln nach Hause fahren. Sie hat gewartet, bis die Frau heim kam, die nicht seine Frau sein dürfte. Dann hat sie gewartet, bis das Licht im Wohnzimmer ausging. Das Licht im Schlafzimmer war da schon längst gelöscht: Sie sind nicht zusammen schlafen gegangen, nicht gemeinsam und schon gar nicht miteinander. Das ist immerhin ein Anfang, oder? Das gibt Grund zur Hoffnung, nicht?

»Hat er einen Namen?« Maria sitzt auf der Couch, die Füße auf dem wackeligen Tischchen, eine Zeitschrift auf dem Schoß. Die Lampen an der rosa Wand über der Couch verbreiten ein warmes Licht.
»Jeder hat einen Namen.«
»Ich dachte«, sagt Maria, »wir spielen dieses Männerratespiel nur mit Sofia. Bem, ich habe derweil geputzt und Kaffee getrunken und Rätsel gelöst und aus dem Fenster gesehen und Marlene angerufen. Krank fühle ich mich kein bisschen.«
»Du hast Madame angerufen?« Bica hängt ihre Jacke in den Schrank und lässt beinahe den Bügel fallen, so zittern auf einmal ihre Finger.
»Ja. – Der Kaffee schmeckt heute so schal. Dabei habe ich ihn frisch gemahlen.«
Bica starrt auf einen Kalender für Berufskleidungsleasing mit einer fröhlichen Gruppe aus Krankenschwester, Paketbote, Wachmann und Maler.
»Was … was hat sie denn gesagt?«
»Wasch dir die Hände, jetzt in der Erkältungszeit kann das dein Leben retten. Von einer Epidemie im Hotel ganz zu schweigen. Du erinnerst dich doch noch an Herrn Gindner aus Uslar, der ständig …«
»Mama, was hat Madame gesagt?«
»Du weißt ja, wie das bei Marlene ist.«
»Hm.« Die Anstrengung, nicht loszuschreien, erstickt Bica. Sie hat keine Ahnung, wie das bei Marlene ist, sie weiß nicht, wie ihre tolerante Chefin auf einen Anruf aus dem Jenseits reagiert.
Mama: Hallo, Marlene.
Madame: Gut, dass du anrufst. Die letzten zwei Wochen ohne dich waren das Chaos. Wir müssen über die Preiserhöhung bei Wong Wash sprechen. Vielleicht sollten wir unsere Kleidung doch leasen. Und was ist mit der Weihnachtsdeko?
Mama: Ich habe da schon einige Ideen.
Madame: Great. Bis gleich. Ach, ja, wie war’s im Tod?
Mama: Das erzähle ich dir mal in Ruhe bei einem Gläschen Vinho dos Mortos.
»Du hattest ein Stelldichein«, sagt Maria. »Wurde auch Zeit.«
Bica lässt sich in den einzigen Sessel fallen.
»Was hat Madame …«
»Lenk nicht ab.«
»Eh bien. Wir haben etwas zusammen getrunken. Das war alles. Ohne weitere Absichten.«
»Papperlapapp. Wenn ein Mann keine Absichten hat, dann ist er impotent oder homosexuell oder tot. Ist dein neuer Freund impotent oder homosexuell?«
»Nur tot.« Sie lachen. »Er hat sich mit mir zu Tode gelangweilt. Und Madame …«
»Red nicht immer so schlecht über dich.«
»Du bist doch diejenige, die schlecht über mich redet.«
»Ja, wirklich?« Bicas Mutter sieht erschrocken aus.
»Früher hast du mich hübsch genannt, und in letzter Zeit muss ich mir anhören, wie unansehnlich und dick ich geworden bin – vor allem mein Po muss sich das anhören. Dabei hast du doch nur Hintergedanken.«
»Hinterngedanken? Mon Dieu! So wie sie Numéro 5 immer hatte?«
»Hintern, hinter, ist doch egal. Sag mir endlich, was Madame gesagt hat.«
»Kein Grund, so rumzubrüllen.«
»Also?«
»Entweder war sie nicht da, oder der Anschluss war besetzt.«
»Ah, gut.« Bicas Knie werden vor Erleichterung ganz weich. Morgen muss sie etwas wegen des Telefons unternehmen, auch der kleine Fernseher sollte weg.
»Não, nichts ist gut. Ich will dir doch nicht wehtun. Komm her.« Maria breitet die Arme aus.
»Schon gut, Mama.« Was, wenn sich ihre Mutter nach nichts anfühlt? Anders als Galão, Galão fühlte sich nach allem an, dieses eine, einzige Mal. Dreizehn Tage ist das mit ihm – mit ihr und ihm und seinem Idealmaßleib – jetzt her. So lange schon. Diese Viertelstunde darf nie, nie, nie verblassen.
»Was ist denn?«
Bica betrachtet die offenen Arme, zögert, dann lässt sie sich hineinfallen. Sie fühlen sich wirklich an, ihre Mutter fühlt sich wirklich an, sie und Bica drehen sich wie in einem langsamen Tanz. Wiederauferstanden, ein Geist oder nur ein Hirngespinst – sie ist froh, dass ihre Mutter zurück ist und lächelt der Krankenschwester, dem Paketboten, dem Wachmann und dem Maler zu.
»Ach, Mama.«
»He, willst du mich erdrücken? Aber … meine Kleine, du weinst ja.«
»Ich muss ins Bett.« Sie läuft in ihr Zimmer.

Bica legt das Foto von Stiefpapa Numéro Zéro neben das Büchlein für ihre streng geheimen Notizen. Sie hat sein Foto aus der Kaffeedose genommen, damit ihre Mutter die so lange versteckt gehaltene Aufnahme nicht doch noch findet.
Seit dreizehn Tagen schlägt Bica jeden Abend das kleine Buch auf, fährt mit dem Finger über die feinen blauen Linien; wie Adern sehen sie aus, dicht unter der Haut. Wenn Galão sie besucht, wird er das Büchlein bei ihr finden. Dann wird sie ihn warten lassen, wie im Film – »Ich schlüpfe rasch in etwas Bequemeres.« Sie wird ins Bad huschen, er wird ihr nachschauen, in ihr Zimmer gehen und sich umsehen, ohne großes Interesse die Fotos von Madames Familie betrachten, die Bilder von Lissabon und Sintra, die Tante Sofia geschickt hat, das Regal voller Bücher aus den Bibliotheken in Paris, Straßburg und Saarbrücken (wo Bücherei und Bordell sich gegenüber lagen). Galão wird die abgewetzte blaue Kommode mit den Troddeln mustern und die Andenken aus den Zimmern, die ihre Aufnahmeprüfung für die Kaffeedose noch nicht bestanden haben: einen Kuckuck aus einer Kuckucksuhr aus Tante Clara, die CD »Tropensturm« aus Onkel Albert oder das Polaroid-Foto einer Baby-Klappe aus Großmutter Margareta, auf dessen weißen Rand jemand Angelo gekritzelt hat und dahinter ein Herz. Galão wird weiter ins Wohnzimmer schlendern, dort fällt sein Blick auf das Schreibbüchlein auf dem Tisch, ausnahmsweise leergeräumt von Zeitschriften und Pralinen. Zunächst ohne große Neugier wird er das Buch in die Hand nehmen, nur flüchtig darin blättern, doch rasch wird er sich in Bicas Leben verfangen. Sie wird ihn beobachten, vorm Schlüsselloch kniend und mit dem Umweg über den Spiegel neben der Wohnungstür. Sie hat den Spiegel eigens dafür ein Stück weiter nach links gehängt. Ihr werden die Knie wehtun.
Aber wie soll sie Galão, einen stadtbekannt verheirateten Charismatiker, einladen, solange ihre Mutter nicht aus der Wohnung kann? Von ihrem, nun, Zustand mal ganz zu schweigen. Bica seufzt und holt unter ihrem Kopfkissen ihr neuestes Reiseandenken hervor: eine Statuette von der Größe einer Barbiepuppe, die sie in der Arzttasche des Doktors gefunden hat. Sie fährt über die Rundungen der erstaunlich leichten Figur aus weichem Speckstein – eine gesichtslose Frau mit Hängebrüsten und dem Bauch einer Schwangeren, über und über von Rillen zerfurcht.
Lieber Galão.
Nein. Sie streicht den Namen durch. Ein Brief soll es keiner werden, ihre Zeilen müssen intim wirken wie die eines Tagebuchs. Galão, nur ihm wird sie all das erzählen, was sie getan hat. Erst dann wird sie bereit sein für ihn, ja, Mama, auch für sein Kind, deine kleine Himmelfahrtserlaubnis.
Draußen Autos, eine Sirene in der Ferne. Im Wohnzimmer springt der Kühlschrank an. Aus dem Zimmer ihrer Mutter sirrt die Stille wie Zikaden.


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